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Schülerclubs
Ziele von Schülerclubprojekten und -modellen
Der Schülerclub als Idee ist im Grunde eine Erfindung von Schülern. Es handelt sich dabei um einen Raum, der Schülern zunächst in Pausen, Freistunden und anderen Zeiten schulischen Leerlaufs zur Verfügung steht, frei von Lern- und Leistungszwängen ist und im Idealfall von Schülern selbst bewirtschaftet wird. Mit einer entsprechenden Schwerpunktsetzung und pädagogischen Begleitung kann er eine wesentliche Wirkung auf das Schulklima und die Identifikation der Jugendlichen mit der Schule, also eine stärkere corporate identity haben. Viele Clubs haben darüber hinaus eine hohe Strahlkraft auf das Schulumfeld, denn die Jugendlichen, einmal mit ihrer Idee in der Schule angekommen, wünschen meist auch die Öffnung ihres Clubs am späteren Nachmittag – kurz einen Schülerclub, der zugleich als Jugendhilfeeinrichtung im Stadtteil agiert.
Charakteristisch für die regionalen Schülerclub-Programme unter Begleitung der jeweiligen RAA ist daher zumeist die institutionalisierte Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, gleichermaßen als Mittel zur Umsetzung der Schülerclubidee wie auch ihr eigentliches jugend- und schulpolitisches Ziel.
Ein Schülerclub eröffnet damit mindestens drei interessante Perspektiven über ein reines Freizeitangebot hinaus. Diese sind die Motivation und Befähigung Jugendlicher zu Eigeninitiative und Partizipation im Rahmen der Schule, die enge Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe über Ressortgrenzen hinaus und die Öffnung der Schule zur Nachbarschaft in einem weiteren Sinne.
Partizipation und Eigeninitiative von Schülern
Schulen sind heute einer der wenigen stabilen Orte in Kommunen und sozialen Umfeldern Jugendlicher – in Regionen, die unter Abwanderung leiden, fällt mit einer Schulschließung zunehmend sogar der letzte örtliche Sozialisations- und Treffpunkt weg. Sei es dem Abbau von Jugendfreizeiteinrichtungen und der Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt geschuldet, sei es auch nur die Suche nach Vertrautem – vielfach trifft man gerade die Jugendlichen abends oder frühmorgens auf der Schultreppe sitzend, die tagsüber Abwehr und Schulfrust demonstrieren und dennoch nicht wissen, wohin sonst. Der Wunsch nach Vertrautem bezieht sich dabei nicht nur auf den Ort Schule, sondern durchaus auch auf die Erwachsenen, mit denen Jugendliche hier täglich Umgang haben, sich reiben und den größten Teil ihrer Zeit verbringen.
Aus diesem Bedürfnis heraus haben Jugendliche mit der RAA die Idee eines Schülerclubs entwickelt, der geschützte Räume, Kontakte und aktive Mitbeteiligung am Schulleben sowie eine Interventionsmöglichkeit ohne langes „Aufsuchen“ und „Abholen“ der Betroffenen bietet. Die mehr als 1200 bundesweit bestehenden Schülerclubs sind dafür durch drei praktische Grundbedingungen charakterisiert:
einen Raum, der den Schülern weitgehend in eigener Regie zur Verfügung steht,
einen Ansprechpartner für dieses Projekt und
eine Regelung der Zugangsmöglichkeiten zum Club, die sowohl den nötigen Freiraum ermöglicht als auch schulischen Aufsichtspflichten gerecht wird.
Wenn auch oder gerade weil das Ziel der Arbeit im Schülerclub die Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Schüler ist, braucht diese Intention eine gute pädagogische Begleitung, die den Jugendlichen hilft, einen Clubrat zu etablieren, Formen der Clubverwaltung auszuprobieren, die Teamsitzungen zu planen und Erfolge und Mißerfolge auszuwerten.
Zugleich bewirkt die direkte oder indirekte Mitarbeit von Lehrern und anderen Erwachsenen im Club, daß Impulse des wachsenden Selbstverständnisses der Schüler in den Unterricht und Schulalltag einfließen können. Viele Schülerclubs haben ihre Schulen stark verändert. So durchlaufen unter ihrem Einfluß auch die demokratischen Gremien einen Prozeß wachsender Partizipation bis dahin, daß z.B. die Schülervertretung eigene Vorschläge für die Gestaltung von Unterrichts- und Freizeitprojekten, die Einbeziehung außerschulischer Kooperationspartner und die Planung von Höhepunkten im Schulalltag einbringt und realisiert. Für einige Schulen ist der Schülerclub ein Umweg, Jugendliche zu ermutigen, in einer Schlichtungskommission von Lehrern und Schülern mitzuarbeiten. In anderen hat die Diskussion um die Wahl des Clubrats nach Engagement und paritätischen Gesichtspunkten ein Nachdenken über Ausgrenzung und Dominanz ausgelöst, gegenüber Jüngeren, Mädchen oder Jungen, verschiedenen ethnischen Gruppen oder Cliquen. Der Clubrat ist also ein handlungsorientierter Zugang zur Demokratie-Erziehung und die Unterstützung Erwachsener dabei unverzichtbar.
Die gemeinsame Arbeit an besonderen Themen und Medien ermöglicht überdies eine Rollenveränderung von Schülern und Lehrern. Die Jugendlichen erleben und zeigen oft vorher nicht sichtbare Kompetenzen; dies ist ein Grund, warum Schülerclubs erfahrungsgemäß besonders gut wirken bei der Integration von Unterrichtsverweigerern. Der Club als dauerhafte Einrichtung kann dies intensiver bewirken als kurzfristige Projekte und nimmt gleichzeitig Schulen den Druck, immer wieder neue Ideen dafür entwickeln zu müssen. Andererseits bringen die so ermutigten Schüler sich stärker ein und tragen bei entsprechender Offenheit ihrer Lehrer durchaus auch zu neuen Lernanregungen oder einer Veränderung des Unterrichts mit bei. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, daß eine große Zahl der Clubs in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern z.B. gegenseitige Hausaufgaben- oder Nachhilfe in verschiedenen Formen als wesentlichen Schwerpunkt anbieten, oft in der Zusammenarbeit von Schülern unterschiedlicher Altergruppen.
Schülerclubs in Kooperation mit einem Jugendhilfe-Träger können eine solche Öffnung des Unterrichts durch Material-, Fortbildungs- und Projektangebote unterstützen bzw. gemeinsam mit Lehrern erproben. Die RAA sind durch ihre ressortübergreifende Konstruktion geeignete Ansprechpartner für diese unterrichtliche wie auch für die sozialpädagogische Seite der Öffnung von Schulen und daher nicht nur vielerorts Schülerclub-Träger, sondern auch in mehreren Ländern Koordinatoren für die regionale Programmberatung im Auftrag der Förderer.
Schule und Jugendhilfe als Partner
Eines der stärksten Bedürfnisse von Schülern ist der Wunsch nach verläßlichen erwachsenen Ansprechpartnern über die Zuständigkeiten von Schule, Jugendarbeit und Familie hinaus. Lehrer kommen entgegen häufiger Vermutung aus Sicht vieler Jugendlicher als erste dafür in Betracht. Sie können jedoch auch bei stärkerer Akzentsetzung in den sozialpädagogischen Aspekten ihrer Arbeit Jugendhilfe-Aufgaben nicht strukturell übernehmen. Die Einbindung eines freien Trägers in das Projekt Schülerclub zeigt in diesem Kontext wichtige Effekte. Zum einen gewinnen die Jugendlichen erwachsene Partner, die die Brücke zwischen Vor- und Nachmittag schlagen können. Zum anderen erreichen viele Schülerclubs im Sinne einer quasi offenen Jugendarbeit weitere Kreise ihrer Nachbarschaft, vor allem auch solche Schüler, die gegenüber sonstigen Jugendhilfe-Angeboten Schwellenängste bzw. Vorbehalte haben oder sich im Umfeld bestimmter kritischer Gruppen befinden. Schülerclubs sind daher wichtige Orte für die Prävention von Gewalt, Intoleranz, Rechtsextremismus und Fundamentalismus, da sie als Projekt in der Schule niedrigschwellig und auch aus der Sicht vorsichtiger Eltern meist erlaubt sind und den Jugendlichen praktische Angebote zur Mitwirkung und damit eigenen Emanzipation machen. Der Schülerclub ist also für die Jugendhilfe genau so interessant, unterstützend und innovativ wie für die Schule.
Langjährig arbeitende Clubs haben daher zumeist eine echte und gegenseitige Kooperation entwickelt, die aus dem Konflikt zwischen den pädagogischen Ansätzen von Schule und Jugendhilfe einen Prozeß kontinuierlicher Abstimmung um gemeinsame Ziele, Verfahren und Vorhaben wachsen ließ, in der sich verschiedene Funktionen sinnvoll ergänzen. Viele Schulen setzen zudem mit der Wahl eines Jugendhilfepartners, der Fähigkeiten in speziellen Bereichen mitbringt, thematische Schwerpunkte. So haben die meisten Schülerclubs einen besonderen Akzent, wie Kunst, gesunde Ernährung, Berufsvorbereitung oder Erlebnispädagogik, der an sehr vielen Orten das Schulprofil mit charakterisiert.
Öffnung der Schule zum Umfeld
Ein wichtiger Effekt der Schülerclubs ist die Schulöffnung nicht nur nach innen, auf Unterricht, Freizeitgestaltung und Schulklima bezogen, sondern auch zur Nachbarschaft. Die am Club beteiligten freien Träger vernetzen das gemeinsame Projekt mit weiteren Partnern in der Kommune und erweitern so die Handlungsspielräume von Jugendlichen und Lehrern über den Schülerclub hinaus. Sie erschließen neue Lernorte im Umfeld und binden Firmen, Ämter, soziale und kulturelle Einrichtungen der Nachbarschaft in das Schulleben ein. Die Jugendlichen erleben dabei, daß sich die Herausforderung zu Partizipation und Engagement nicht nur auf die Schule und ihre eigene Freizeit erstreckt, sondern daß sie eine Rolle in der Kommune haben, deren Mitgestaltung in ihrer Hand liegt. Ihnen und den Lehrern stehen so weitere Ansprechpartner zur Verfügung, die Unterstützung und Kooperation in vielfältigen Feldern des Schulalltags ermöglichen.
Viele Träger von Schülerclubs beziehen auch schulfremde Jugendliche in ihre Arbeit ein. Wo dies gelingt, profitieren beide, Kommune und Schule, davon. Die Kommune kann damit Probleme aufgreifen, die zwar als Forderung oft an die Schule gestellt werden, aber von dieser ohne einen Jugendhilfepartner nur schwer zu bearbeiten sind. Als Ort mit klar definierten Verhaltensregeln bietet die Schule diesen die Chance, Schutzraum zu sein und ohne große zusätzliche Mühe Einfluß auf das Klima im Umfeld zu nehmen. Die Schule profitiert in jedem Fall von einer solchen Öffnung zur Nachbarschaft, denn sie wird damit als Ort erkennbar, der für Jugendliche attraktiv ist, von ihnen freiwillig aufgesucht und mitgestaltet wird. Entsprechend den variierenden Bedingungen haben daher z.B. die Berliner Schülerclubs ihre Öffnung verschieden geregelt. Manche stehen generell allen interessierten Jugendlichen zur Verfügung, andere haben Clubausweise entworfen, durch die jeder Besucher verbindlich bekannt ist. Wieder andere lassen einen schulfremden Besucher pro Schüler/Clubmitglied zu, so daß der Verantwortungsbereich überschaubar ist; einige schränken diese Regelung ein auf Geschwister von Schülern. Letzteres wenigstens ist dann kaum verzichtbar, wenn man auch Schülerinnen und Schüler erreichen will, die andernfalls in Konflikt mit familiären und häuslichen Aufgaben geraten.
Wenige Clubs stehen dagegen ausschließlich den eigenen Schülern zur Verfügung, dies ist dann meist räumlichen Bedingungen oder der starken Präsenz gewaltbereiter Jugendgangs in direkter Nachbarschaft geschuldet. Prinzipiell wird der Schülerclub in den meisten Landesprogrammen als autonomer Raum in der Schule betrachtet; und die meisten Schülerclubräte erweisen sich als durchaus sensibel im Einschätzen der äußeren Bedingungen und kreativ im Finden von angemessenen Wegen der Öffnung.
Rahmenbedingungen, Elternmitwirkung und Qualitätssicherung
Schülerclubs sind in allen Schultypen realisierbar und im Rahmen der Landesprogramme erprobt worden. Je nach Alter variiert der Grad an Selbständigkeit eines Schülerclubrats und das thematische Angebot. Auch die Formen und Möglichkeiten der Kooperation mit Eltern unterscheiden sich in Grundschulen von denen in der Sekundarstufe. Fördervereine an Oberschulen unterstützen die Clubarbeit vielfach durch Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit, Sachspenden, ein thematisches Angebot und die Einwerbung von zusätzlichen Mitteln etc. In Grundschulen hingegen spielen Eltern häufig eine Rolle bei der Betreuung an einem Nachmittag oder bei Exkursionen und besonderen Vorhaben.
Die ehrenamtliche Mitarbeit von Lehrern, Eltern, Leuten aus dem Schulumfeld und ehemaligen Schülern ist ein wichtiges Charakteristikum vieler Clubs, das wesentlich zu einer insgesamt besseren Zusammenarbeit der Erziehungspartner beiträgt.
Die BAG der RAA hat zur Beschreibung und Qualitätssicherung von Schülerclubs als Beitrag zur Gestaltung des Schulprofils Fachstandards entwickelt, die in den u.g. Publikationen nachzulesen sind. Sie versuchen in Form einer Handreichung für Praktiker aus Schule und Jugendhilfe Projekterfahrungen aus sieben neuen und alten Bundesländern zu vergleichen und beziehen sich vor allem auf folgende Merkmale:
     •  Räumliche Ressourcen und Bedingungen
     •  Offenheit als Voraussetzung zur Kooperation und Öffnung von Schule
     •  Kooperation zwischen Schule und außerschulischem Partner
     •  Eigeninitiative und Partizipation der Beteiligten
     •  Interkulturalität und Demokratieerziehung
     •  Innovation und Kreativität
     •  Transparenz und Kommunikation
     •  Evaluation und Fortbildung
     •  Fachliche Begleitung und strukturelle Absicherung
Die Kriterien haben zumeist prozeßhaften Charakter und enthalten gleichermaßen Grundlagen wie auch Richtungsangaben und Eckpunkte einer erfolgreichen Kooperation aller am Projekt beteiligten Partner. Wesentliches Moment dieses Schülerclub-Modells der RAA ist die Entwicklung von Toleranz, Gemeinsinn und Zivilcourage im Sinne der Stärkung demokratischer Grundwerte. Der Schülerclub ist ein Ort, von dem aus Jugendliche in Kooperation mit engagierten Erwachsenen einen eigenen Beitrag dazu leisten können und sollen. Alle anderen Prinzipien sind aus Sicht der beteiligten RAA diesem einen nachgeordnet.
Ansprechpartner, Literatur und Beispiele
Einzelne RAA und Arbeitsstellen der DKJS in den Ländern bieten bei der Planung und Realisierung von Projekten regional Beratung und Unterstützung an. Darüber hinaus waren weitere RAA und ihre Partner wesentlich an der Entwicklung des Modells und der Fachstandards beteiligt.
Schülerclub-Förderprogramme unter Trägerschaft der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in Kooperation mit den jeweiligen Kultus- und Jugendministerien gab es von 1994 bis 2008 in Berlin, Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Brandenburg. Darüber hinaus wurde das Modell durch die DKJS und ihre Partnerstiftungen nach Tschechien und Polen übertragen. Einzelne Projekte existieren ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg.
Die Schriftenreihe „lnterkulturelle Beiträge Jugend & Schule“ zeigt Erfahrungen, good practise und mit den Schülerclubs verwandte Projektbezüge auf. Projektbeispiele finden sich u.a. bei den RAA in Berlin, Nordrhein-Westfalen sowie in Hoyerswerda und Leipzig in Sachsen.











